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Dienstag, 30 August, 2016

Flow – der Sinn des Lebens?

Klettern im Flow - Psychologe Nürnberg„Alltagsröcke, Sonntagsröcke,
Lange Hosen, spitze Fräcke,
Westen mit bequemen Taschen,
warme Mäntel und Gamaschen […]
Alles macht der Meister Böck,
denn das ist sein Lebenszweck.“
(Wilhelm Busch, „Max und Moritz“)

Haben Sie sich schon einmal gefragt: „Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?“ Dann sind Sie in guter Gesellschaft, denn vermutlich hat sich der vernunftbegabte Mensch homo sapiens, seitdem er von den Bäumen gestiegen ist, bzw. von den Früchten des Baumes der Erkenntnis gekostet hat, gefragt: „Wozu bin ich hier?“ Doch haben Sie sich auch schon einmal überlegt, wann Sie sich diese Frage stellen?

Lassen Sie mich raten: Sie haben sich diese Frage nicht gestellt beim Tanzen oder beim gemeinsamen Musizieren, sicher nicht, als Sie mit dem Snowboard die Piste hinunter gewedelt sind, auch nicht beim Downhill-Fahren mit dem Mountainbike oder während einer Klettertour. Sie haben sich die Frage sicher nicht gestellt, als Sie beim Computerspielen eine knifflige Aufgabe gelöst haben und auch nicht während eines aufregenden sexuellen Erlebnisses. Zusammengefasst: Sie haben sich die Frage nicht gestellt, als Sie sich hochkonzentriert einer Tätigkeit widmeten und auch nicht wenn Sie sich glücklich und zufrieden gefühlt haben.

Durch meine Tätigkeit als Hypnosetherapeut beschäftige ich mich mit dem Thema Bewusstsein und Bewusstseins-Zustände. So ist es nicht verwunderlich, dass ich überlegte, als mir die Frage nach dem Sinn des Lebens im Kopf herumgeisterte: Warum stellst du dir diese Frage gerade jetzt in diesem Moment? Worin unterschiedet sich dein jetziger Bewusstseinszustand mit dem Bewusstseinszustand, in dem du dir die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest vermutlich nie stellen würdest? Was hat Tanzen und Musikmachen mit Snowboard- und Montainbiken, mit Klettern und gutem Sex gemeinsam? Die Antwort lautet vielleicht: Flow.

Mit dem englische Wort Flow, zu deutsch „Fließen, Strömen“, bezeichnen Psychologen einen Bewustseinszustand vollkommener Vertiefung in eine Tätigkeit, die einem quasi wie von selbst von der Hand geht. Entscheidend für das erreichen eines Flow-Zustands ist, dass die Schwierigkeit der ausgeübten Tätigkeit auf der einen Seite zwar soweit fordert, dass die volle Konzentration dafür nötig ist, auf der anderen Seite jedoch die eigenen Fähigkeiten ausreichen, um diese Tätigkeit erfolgreich zu bewältigen. Die Aufgabe muss überschaubar sein, d.h. im Hier-und-Jetzt durchführbar ohne allzu weit in die Zukunft denken zu müssen: Für das Erreichen eines Flow ist eine sofortige Rückmeldung über Erfolg oder Misserfolg nötig. Beispiele: Der Kletterer merkt sofort, ob er bei einem Tritt auf einen Felsvorsprung ins Rutschen kommt und damit seine Position verändern muss. Ein Musiker hört sofort, ob der Ton, den er seinem Instrument entlockt, harmonisch ist oder ob er sich vergriffen oder versungen hat. Beim Liebesspiel spüren die Liebenden aufgrund der Reaktion des Partners, ob eine Berührung gut tut oder nicht und können entsprechend aufeinander eingehen.

Es gibt eine weitere Voraussetzung für das Erreichen eines Flow-Zustands, die gleichzeitig aber auch ein Ergebnis des Floss-Zustands selbst ist: Die Tätigkeit muss, wie Pstchologen sagen, intrinsisch motivieret sein. „Intrinsisch“ bedeutet „um seiner selbst willen“, weil es Spaß macht, und nicht, um dafür einen Vorteil zu erlangen, eine Belohnung, Lob oder Anerkennung zu bekommen oder um einen Nachteil, eine Bestrafung zu vermeiden. Daraus lässt sich auch gut erklären, dass besonders Tätigkeiten wie Klettern, Tanzen oder auch das Spielen eines Instruments besonders dazu geeignet sind, in einen Flow zu kommen. Komplexe motorische Tätigkeiten ringen dem Gehirn nämlich ein hohes Maß an Ressourcen ab, viel mehr als bei anderen Denkaufgaben. Nicht umsonst ist es weit schwieriger, eine Maschine zu konstruieren, die sich wie ein Mensch anmutig und in den verschiedensten Situationen flexibel angepasst bewegt, als einen Computer zu bauen, der Schachprobleme löst.

Um eine hochkomplexe Bewegungsaufgabe wie Klettern oder Tanzen oder Klavierspielen zu bewältigen, wird die Aktivität in Teilen des Gehirns, die dafür nötig ist, hoch gefahren, während andere Teile, die gerade nicht benötigt werden, sozusagen auf Sparflamme laufen. Zu letzterem gehört der Präfrontale Cortex, der unter anderem für das logische Denken und das Zeitgefühl zuständig ist. Psychologen haben festgestellt, dass dabei ein Stoff im Gehirn gebildet wird, den man Anandamid nennet.

Die Bezeichnung Anandamid kommt von „Ananda“, einem Wort aus der altindischen Sprache Sanskrit, was soviel bedeutet wie „Freude“ oder „reines Glück“. Anandamid bindet sich an Cannabinoid-Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems im Gehirn, an denen auch das THC der Cannabis-Pflanze andockt. Insofern werden wir also beim durchführen einer komplexen Bewegungsaufgabe wie Klettern oder Tanzen durch körpereigene Substanzen quasi belohnt – wir empfinden dabei Freude bzw. reines Glück und Zufriedenheit. Deshalb bedarf es auch keiner extrinsischen, von außen kommenden Motivation, denn das erreichen dieses Gefühls ist Motivation genug. Womit sich der Kreis wieder schließt, denn wie ich oben ausführte, ist intrinsische Motivation eine Voraussetzung für das Erreichen eines Flow.

Um nun zu der Eingangs aufgeworfenen Frage nach dem Sinn des Lebens zurück zu kommen: Man stellt sich diese Frage wohl für gewöhnlich ehr dann, wenn man gerade nicht glücklich und zufrieden und voll im Moment, quasi im Hier-und-Jetzt ist. Denn wenn man sich diese Frage stellt, kann man nicht mehr im Flow sein, weil Flow wiederum voraussetzt, dass man mit etwas beschäftigt ist, für es keiner extrinsischer Motivation bedarf. Ein „Wozu“ ist jedoch genau das: Das Verlangen nach einer Motivation, die von außen kommt, nach einem Ziel außerhalb der Tätigkeit an sich. Insofern verhindert die Frage nach dem Sinn das erreichen eines Flow-Zustands, der wiederum so glücklich und zufrieden macht, dass es ein Wozu nicht bedarf.

Kein Wunder also, dass der der Psychologe Siegbert A. Warwitz, der das Flow-Erleben von Menschen unterschiedlichen Alters bei verschiedensten Beschäftigungen und Beanspruchungsgraden untersuchte, schreibt:

„Urbild des Menschen im Flow ist das spielende Kind, das sich im glückseligen Zustand des Bei-sich-Seins befindet.“

Und vielleicht nicht ganz zufällig komme ich da wieder auf die Bibelstelle, die ich schon in meinem letzten Blog-Artikel zitierte:

„Wahrlich, ich sage euch: Wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Matthaeus 18:3).

Wenn nun das Erreichen von Gottes Reich reines Glück und Freude verheißt und den Sinn im Leben darstellt, dann … ja dann stimmt meine Gleichung: Flow = der Sinn des Lebens.

Und der Schneidermeister Böck?
Was ist mit seinem Lebenszweck?
Nähen, Schneidern und auch Flicken,
können ihn wohl recht beglücken.
Im Flow erlegt er sieben auf einen Streich
Das macht sein Leben lebensreich.

Aber das ist eine andere Geschichte …



4 Kommentare »»

  1. Kommentar von josefine - 11. April 2017 um 19:22

    Wenn ich nach dem Sinn des Lebens frage, heißt das, daß ich mich in einer seelischen Krise befinde? Sollte ich deshalb rechtzeitig Hilfe bei einem Psychotherapeuten suchen, um nicht „abzustürzen“?


  2. Kommentar von Michael Schramm - 11. April 2017 um 20:23

    Hallo Josephine,
    danke für Ihre interessante Frage.
    Wenn Sie über den Sinn des bzw. Ihres Lebens nachdenken, muss das meines Erachtens nicht zwingend heißen, dass Sie sich in einer seelischen Krise befinden. Ich glaube, dass die meisten Menschen sich irgendwann einmal die Frage stellen: „Warum bin ich hier?“
    Gleichzeitig bin ich zusammen mit Vertretern der sogenannten „Existenziellen Psychotherapie“ der Ansicht, dass ein großer Teil der Probleme, wegen denen Menschen psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, ihre tieferliegende Ursache im Fehlen eines eigenen Lebenssinns ist (siehe dazu auch meinen Blog-Beitrag „Vom Sinn zum Unsinn„).
    Deshalb kann es durchaus „sinnvoll“ sein, mit einem Therapeuten zu sprechen, der bereit ist, sich mit solchen Fragestellungen auseinander zu setzen und Ihnen auch Unterstützung bietet, einen Sinn in ihrem bisherigen Leben zu sehen und eine Aufgabe zu finden, die ihrem weiteren Leben Sinn gibt – insbesondere dann, wenn Sie dazu noch unter Antriebslosigkeit, Schlafproblemen, Mutlosigkeit, Selbstzweifeln, Ängsten, Erschöpfung, chronischen Krankheiten und anderen Beschwerden leiden.


  3. Kommentar von Paul - 15. April 2017 um 18:59

    Flow = Sinn des Lebens? Nein, da kann ich Ihnen als Christ nicht zustimmen. Das Leben einzig auf das Erreichen eines Flow-Zustands zu reduzieren erscheint mir unsinnig, geradezu egozentrisch und vielleicht auch typisch für unsere Spaß-Gesellschaft.
    Ein Flow mag ganz nützlich sein, um Probleme zeitweilig auszublenden und auf andere Gedanken zu kommen. Die zentralen Fragen des Lebens und unserer menschlichen Zivilisation und des Sinns im Leben werden so jedoch nicht gelöst und beantwortet.


  4. Kommentar von Michael Schramm - 15. April 2017 um 21:26

    Hallo Paul,
    ich gebe Ihnen insofern recht: Das Leben ausschließlich darauf auszurichten, einen Flow-Zustand zu erreichen, löst nicht die Probleme, vor die wir als Menschheit gestellt sind. Dazu ist ein Nachdenken und eine Entscheidung, wie wir unser Leben gestalten wollen, notwendig. Ethische Fragen spielen dabei auch eine Rolle: Wie lässt sich unser Miteinander gestalten, damit nicht nur ich zufrieden sein kann, sondern auch der andere. Wie kann ich leben, dass ich am Ende des Tages in den Spiegel sehen kann.
    Gleichzeitig gehe ich davon aus, dass uns das Erleben von Flow-Zustanden zufriedener werden lässt – wir im Flow sozusagen Glück tanken, das uns auch durch Phasen hindurch trägt, in denen wir gerade nicht im Fluss sind.
    Wen Sie in Psychotherapeutische Kliniken sehen, besteht ein wichtiger Teil der Therapie depressiver Menschen besteht darin, sie zur Bewegung zu animieren: Walking, Yoga, QiGong, ja, sogar Klettern.


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